Hinter dem Wasserfall
Elfen-Trilogie von Oliver Jungjohann

Leseprobe Band 2

Herausgeber und Copyright: © 2016 by Oliver Jungjohann, Bochum. Alle Rechte vorbehalten.
Das Geheimnis der Night Sky
Die Wasserfall-Trilogie Band II
19 Wind und Liebe
Mehrere   Stunden   Autobahnfahrt   lagen   hinter   ihnen,   die   dänische   Grenze   hatten   sie   soeben passiert.   So   unspektakulär,   dachte   Finja,   die   auf   der   Rückbank   links   neben   Toni   saß,   der   wegen seiner    längeren    Beine    in    der    Mitte    zwischen    Finja    und    Aaron    Platz    genommen    hatte. Zwischendurch   streckte   er   die   Füße   an   der   Handbremse   vorbei,   seine   Schuhe   hatte   er   wie   Finja und    Aaron    ausgezogen.    So    plötzlich    hatten    sie    an    diesem    Pfingstwochenende    Dänemark erreicht,   nur   ein   Schild,   ein   paar   Flaggen   und   ein   abseits   gelegenes   Geldwechselhäuschen   hatten die    Grenze    markiert.    Nichts    zeugte    mehr    davon,    dass    'Grenze'    damals    mit    Kontrollposten anders gewesen war, wie sich Finja an Bilder aus ihrer frühen Kindheit erinnern konnte. Toni     amüsierte     sich     über     die     Schreibweise     dänischer     Ortsnamen,     die     man     auf     den Autobahnschildern lesen konnte. »Frøslev,   Oksekær,   Kliplev,   Bov...   was   haben   die   denn   hier   für   Orte?«,   lachte   er   und   wollte wissen, wie man das durchgestrichene 'O' ausspricht. »Wie   'ö',   das   ist   bei   Rømø   auch   so«,   erklärte   Finja,   die   sich   auch   noch   daran   erinnern   konnte,   wie sie das erste Mal über die Namen gelacht hatte. »Und   rate   mal,   wie   man   in   Dänemark   ein   Moped   nennt...   'Knallert'!!«,   sagte   Aaron   glucksend, woraufhin    Toni    meinte,    dass    'Hund'    dann    vermutlich    'Køterklev'    heißen    müsse.    Die    ganze Rückbank   wieherte   vor   Lachen,   und   von   vorne   kam   eine   nicht   ganz   ernst   gemeinte   Nachfrage, ob die Kids am letzten Rastplatz Alkohol getrunken hätten. Sie   waren   alle   froh,   ohne   Stau   bis   hierhin   gekommen   zu   sein.   Von   der   dänischen   Autobahn bogen   sie   in   Richtung   Rømø   ab,   es   war   bald   schon   beschildert.   Nach   einigen   Kilometern   über Landstraßen    fuhren    sie    jetzt    auf    den    Damm,    der    die    südlichste    Insel    Dänemarks    mit    dem Festland verband. »Schon   irre,   links   und   rechts   neben   der   Straße   das   Wattenmeer,   und   trotzdem   ist   das   keine richtige   Brücke«,   meinte   Toni   und   beobachtete   eine   riesige   Zahl   Seemöwen,   die   auf   dem   flachen Watt    standen,    das    mit    wenig    Wasser    gerade    eben    bedeckt    war.    Durch    die    Spiegelung    des Himmels sah es so aus, als würden die Vögel auf dem Wasser stehen. Gegen   neunzehn   Uhr   erreichten   sie   einigermaßen   müde   das   Campinggelände   und   hielten   auf einem    Parkplatz    vor    der    Einfahrtsschranke,    um    sich    anzumelden.    Mit    eingesteiften    Beinen schälten   sich   alle   unter   den   merkwürdigsten   Tönen   aus   dem   Auto   und   räkelten   sich   erst   einmal in   dem   kräftigen   Wind,   der   eine   unruhige   Nacht   befürchten   ließ.   Finja   sah   sich   im   Schaufenster eines   nahe   gelegenen   Spielzeug-   und   Sportgeschäftes   Lenkdrachen   an,   während   ihr   Vater   die Unterlagen    für    die    Reservierung    mit    den    Platznummern    ihrer    Zelte    holte.    Nach    wenigen Minuten   kam   er   wieder,   verteilte   Magnetkarten   für   die   Duschräume   und   meinte   seufzend,   dass er sich sehr auf eine warme Dusche freuen würde. Sie   passierten   die   Schranke,   folgten   dem   Lageplan   zu   ihrem   reservierten   Platz   und   machten   sich nach   dem   Ausladen   eines   beachtlichen   Haufens   Gepäck   an   den   Aufbau   der   Zelte.   Toni   staunte über   die   Schnelligkeit,   in   der   die   Familie   trotz   des   Windes   und   des   Stangenchaos   das   große Familienzelt   mit   den   vielen   Schlaufen   und   Clips   aufstellte.   Sein   eigenes   Zelt   baute   er   zusammen mit     Finjas     Hilfe     direkt     daneben,     aber     mit     dem     Eingang     zum     Weg     in     Richtung     des Sonnenaufgangs. Das sei morgens besonders schön, hatte Finja ihm geraten. Kräftige   Windböen   machten   den   Aufbau   ziemlich   kompliziert,   sodass   alles   ein   wenig   schief aussah. »Papa,    reicht    das    mit    dem   Abspannen,    oder    müssen    wir    noch    mehr    Heringe    und    Schnüre nehmen?«, fragte Finja etwas besorgt. »Also,   im   Wetterbericht   haben   die   nichts   von   einem   Sturm   gesagt,   die   nächsten   Tage   sollen angenehm   warm   sein«,   antwortete   ihr   Vater.   »Wir   können   morgen   früh   noch   mal   alles   richtig abspannen,   wenn   es   nötig   wird«,   ergänzte   er   und   begann   mit   dem   ungeliebten   Aufpumpen   der Luftmatratzen. Nachdem   alles   fertig   aufgebaut,   Schlafsäcke,   Isomatten   und   Kleidungsbeutel   verteilt   waren, wurde   ein   schnelles   Abendessen   mit   belegten   Broten   improvisiert.   Mittlerweile   war   es   im   Zelt schon   reichlich   dunkel.   Ideen   zum   nächsten   Tag   wurden   beim   Essen   ausgetauscht   und   man wurde schnell einig, das Frühstück für halb neun einzuplanen, um viel vom Tag zu haben. Während   die   Kinder   jetzt   noch   über   den   Campingplatz   gingen   und   Finja   ihrem   Freund   die Einrichtungen   zeigte,   machten   sich   die   Eltern   nach   einer   Dusche   bettfertig   und   ließen   sich   von den Kindern versprechen, das Zähneputzen nicht zu vergessen. Erledigt   von   der   langen   Fahrt   schliefen   alle   bald   ein.   Das   Rauschen   des   Windes   hatte   etwas Hypnotisches,   wie   Finja   dachte,   während   ihr   Gedanken   zur   Welt   hinter   dem   Wasserfall,   zu Vorbereitungen   für   die   geplante   Expedition   in   Italien   und   vor   allem   zu   den   kommenden   Tagen mit Toni durch den Kopf gingen und sie immer wieder für einige Sekunden einnickte.   Ein   metallischer   Knall   riss   Finja   mitten   in   der   Nacht   aus   dem   Schlaf,   gefolgt   von   einem   Gepolter, das   direkt   in   Kopfnähe   zu   passieren   schien.   Es   lärmte   höllisch   im   Zelt,   heftige   Sturmböen zerrten   mit   Gewalt   an   den   Stoffwänden   und   Schnüren.   Erschrocken   sah   Finja   im   Restlicht   der Campingplatzlaternen,   dass   sich   die   Zeltstangen   stark   krümmten   und   es   aussah,   als   würde   das Zelt jeden Moment in die Luft gehoben. »Papa!!   Mama!!   Wacht   auf,   das   Zelt   fliegt   uns   gleich   weg!!«,   rief   sie   panisch,   krabbelte   aus   ihrem Schlafsack   und   öffnete   hastig   den   Reißverschluss   ihres   Innenzeltes.   Ihre   Eltern   und   Aaron   hatte sie   mit   dem   Schreckruf   geweckt,   und   ihr   Vater   holte   schnell   den   Beutel   mit   weiteren   Heringen und   Abspannschnüren   aus   einer   Tasche.   Als   sie   das   Zelt   öffneten,   peitschte   ihnen   ein   scharfer Wind    ins    Gesicht,    vermischt    mit    Sandkörnern    und    Staub    vom    Platz.    Im    Halbdunkel    der bebenden   Laternenmasten   sahen   sie,   wie   Campingstühle   über   die   Wege   purzelten   und   überall Menschen in Schlafanzügen und Unterwäsche aufgeregt Zelte und Vordächer befestigten. Toni   war   auch   wachgeworden   und   fragte,   ob   er   noch   zwei   Schnüre   haben   könne.   Mit   einem Gummihammer   setzten   sie   längere   Heringe   schräg   gegen   die   Zugrichtung   der   Seile   fest   in   den Boden    und    spannten    die    Schnüre    so    sehr,    wie    es    ihnen    gerade    möglich    war.    Das    große Familienzelt   war   dabei   dem   Wind   natürlich   viel   mehr   ausgeliefert   als   das   kleinere,   abgerundete Zelt von Toni. »Das    dürfte    jetzt    reichen«,    rief    der    Vater    gegen    das    Windgeheul    und    klopfte    Finja    auf    die Schulter. »Danke, dass du uns geweckt hast, sonst wäre es bestimmt zu spät gewesen!« »Naja, Zufall«, meinte sie und gab Toni noch einmal einen Gute-Nacht-Kuss. Als   sich   Finja   wieder   bibbernd   in   den   Schlafsack   verkroch,   gingen   ihr   vor   dem   Einschlafen   viele Gedanken   an   Toni   durch   den   Kopf.   Sie   nahm   sich   vor   ihre   Eltern   zu   fragen,   ob   sie   in   der nächsten   Nacht   bei   Toni   schlafen   dürfe.   Ob   die   das   wohl   erlauben   würden?   Ob   es   ein   riesiges Theater    gäbe?    Mit    Toni    zusammen    einschlafen...    Finja    wurde    es    ganz    warm    bei    diesem Gedanken,   und   während   die   Zeltwände   im   Sturm   heulten   und   knatterten,   begleiteten   tausende Gedankenfetzen Finja in den Schlaf. Am   Morgen   war   es   zwar   noch   windig,   der   Sturm   hatte   aber   deutlich   an   Intensität   verloren. Aaron   war   zuerst   wachgeworden,   hatte   sich   Campingtisch   und   einen   Stuhl   aufgeklappt,   saß   mit Pulli   und   Wolldecke   im   dunstig   verschwommenen   Morgenlicht   und   stopfte   sich   abwechselnd Kekse und Weingummi in den Mund. Völlig zerzaust kam jetzt auch Finja aus dem Zelt und hatte sich eine Jacke übergeworfen. »Moin! Noch gut geschlafen?«, fragte Aaron. »Also,   nach   dem   Schreck   dann   schon,   wie   ein   Stein«,   antwortete   sie.   Es   war   ziemlich   kühl, vielleicht   acht   Grad,   und   der   beständige   Wind   ließ   es   nicht   zu,   dass   die   Morgensonne   wirklich wärmte. Finja ging zu Tonis Zelt und öffnete langsam den Reißverschluss des Eingangs. »Was hast du denn vor?«, fragte Aaron grinsend. »Geht dich nix an«, knurrte seine Schwester zurück. »Iss ’nen Keks und sei still!« »Viel Spaß«, feixte Aaron und erntete dafür einen giftigen Blick. Finja   kroch   leise   in   das   niedrige   Zelt   und   schloss   hinter   sich   den   Eingang.   Toni   lag   halb   verdreht in   einem   Wolldecken-   und   Schlafsackknäuel   auf   der   Luftmatratze   und   schnarchte   leise   mit offenem   Mund.   Finja   legte   sich   behutsam   neben   ihn,   deckte   sich   mit   einem   Teil   der   Wolldecke zu    und    beobachtete    halb    aufgerichtet    Tonis    Gesicht.    Ein    friedliches,    warmes    Glücksgefühl erfüllte Finja, als sie begann, zärtlich über seine Haare zu streichen. »Toni,   mein   Schatz,   aufwachen«,   sagte   sie   leise   ganz   nahe   an   seinem   Ohr.   Er   räkelte   sich,   öffnete etwas   die   Augen   und   murmelte   ganz   verschlafen:   »Was...   wie   spät...   ach   du   bist’s«,   schloss wieder die Augen, drehte sich ganz zu Finja und nahm sie in den Arm. »Gleich machen wir schon Frühstück«, sagte sie. »Mmmm... noch fünf Minuten... bitte!«, kam es genuschelt zurück. […Ende des Auszugs aus Kapitel 19]  Auszug aus Kapitel 24 (”Katastrophe”)
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Hinter dem Wasserfall
Elfen-Trilogie von Oliver Jungjohann

Leseprobe Band 2

Mehrere    Stunden    Autobahnfahrt    lagen    hinter    ihnen,    die dänische       Grenze       hatten       sie       soeben       passiert.       So unspektakulär,    dachte    Finja,    die    auf    der    Rückbank    links neben    Toni    saß,    der    wegen    seiner    längeren    Beine    in    der Mitte    zwischen    Finja    und    Aaron    Platz    genommen    hatte. Zwischendurch    streckte    er    die    Füße    an    der    Handbremse vorbei,     seine     Schuhe     hatte     er     wie     Finja     und     Aaron ausgezogen.       So       plötzlich       hatten       sie       an       diesem Pfingstwochenende   Dänemark   erreicht,   nur   ein   Schild,   ein paar          Flaggen          und          ein          abseits          gelegenes Geldwechselhäuschen   hatten   die   Grenze   markiert.   Nichts zeugte       mehr       davon,       dass       'Grenze'       damals       mit Kontrollposten   anders   gewesen   war,   wie   sich   Finja   an   Bilder aus ihrer frühen Kindheit erinnern konnte. Toni     amüsierte     sich     über     die     Schreibweise     dänischer Ortsnamen,    die    man    auf    den    Autobahnschildern    lesen konnte. »Frøslev,   Oksekær,   Kliplev,   Bov...   was   haben   die   denn   hier für    Orte?«,    lachte    er    und    wollte    wissen,    wie    man    das durchgestrichene 'O' ausspricht. »Wie   'ö',   das   ist   bei   Rømø   auch   so«,   erklärte   Finja,   die   sich auch   noch   daran   erinnern   konnte,   wie   sie   das   erste   Mal   über die Namen gelacht hatte. »Und   rate   mal,   wie   man   in   Dänemark   ein   Moped   nennt... 'Knallert'!!«,   sagte Aaron   glucksend,   woraufhin   Toni   meinte, dass   'Hund'   dann   vermutlich   'Køterklev'   heißen   müsse.   Die ganze   Rückbank   wieherte   vor   Lachen,   und   von   vorne   kam eine   nicht   ganz   ernst   gemeinte   Nachfrage,   ob   die   Kids   am letzten Rastplatz Alkohol getrunken hätten. Sie   waren   alle   froh,   ohne   Stau   bis   hierhin   gekommen   zu sein.   Von   der   dänischen   Autobahn   bogen   sie   in   Richtung Rømø    ab,    es    war    bald    schon    beschildert.    Nach    einigen Kilometern    über    Landstraßen    fuhren    sie    jetzt    auf    den Damm,     der     die     südlichste     Insel     Dänemarks     mit     dem Festland verband. »Schon     irre,     links     und     rechts     neben     der     Straße     das Wattenmeer,   und   trotzdem   ist   das   keine   richtige   Brücke«, meinte   Toni   und   beobachtete   eine   riesige   Zahl   Seemöwen, die   auf   dem   flachen   Watt   standen,   das   mit   wenig   Wasser gerade     eben     bedeckt     war.     Durch     die     Spiegelung     des Himmels    sah    es    so    aus,    als    würden    die    Vögel    auf    dem Wasser stehen. Gegen   neunzehn   Uhr   erreichten   sie   einigermaßen   müde   das Campinggelände   und   hielten   auf   einem   Parkplatz   vor   der Einfahrtsschranke,   um   sich   anzumelden.   Mit   eingesteiften Beinen   schälten   sich   alle   unter   den   merkwürdigsten   Tönen aus    dem    Auto    und    räkelten    sich    erst    einmal    in    dem kräftigen   Wind,   der   eine   unruhige   Nacht   befürchten   ließ. Finja     sah     sich     im     Schaufenster     eines     nahe     gelegenen Spielzeug-   und   Sportgeschäftes   Lenkdrachen   an,   während ihr    Vater    die    Unterlagen    für    die    Reservierung    mit    den Platznummern    ihrer    Zelte    holte.    Nach    wenigen    Minuten kam   er   wieder,   verteilte   Magnetkarten   für   die   Duschräume und    meinte    seufzend,    dass    er    sich    sehr    auf    eine    warme Dusche freuen würde. Sie   passierten   die   Schranke,   folgten   dem   Lageplan   zu   ihrem reservierten    Platz    und    machten    sich    nach    dem   Ausladen eines    beachtlichen    Haufens    Gepäck    an    den    Aufbau    der Zelte.   Toni   staunte   über   die   Schnelligkeit,   in   der   die   Familie trotz     des     Windes     und     des     Stangenchaos     das     große Familienzelt   mit   den   vielen   Schlaufen   und   Clips   aufstellte. Sein   eigenes   Zelt   baute   er   zusammen   mit   Finjas   Hilfe   direkt daneben,   aber   mit   dem   Eingang   zum   Weg   in   Richtung   des Sonnenaufgangs.   Das   sei   morgens   besonders   schön,   hatte Finja ihm geraten. Kräftige      Windböen      machten      den      Aufbau      ziemlich kompliziert, sodass alles ein wenig schief aussah. »Papa,    reicht    das    mit    dem   Abspannen,    oder    müssen    wir noch    mehr    Heringe    und    Schnüre    nehmen?«,    fragte    Finja etwas besorgt. »Also,   im   Wetterbericht   haben   die   nichts   von   einem   Sturm gesagt,    die    nächsten    Tage    sollen    angenehm    warm    sein«, antwortete   ihr   Vater.   »Wir   können   morgen   früh   noch   mal alles   richtig   abspannen,   wenn   es   nötig   wird«,   ergänzte   er und      begann      mit      dem      ungeliebten     Aufpumpen      der Luftmatratzen. Nachdem   alles   fertig   aufgebaut,   Schlafsäcke,   Isomatten   und Kleidungsbeutel     verteilt     waren,     wurde     ein     schnelles Abendessen   mit   belegten   Broten   improvisiert.   Mittlerweile war   es   im   Zelt   schon   reichlich   dunkel.   Ideen   zum   nächsten Tag    wurden    beim    Essen    ausgetauscht    und    man    wurde schnell   einig,   das   Frühstück   für   halb   neun   einzuplanen,   um viel vom Tag zu haben. Während    die    Kinder    jetzt    noch    über    den    Campingplatz gingen   und   Finja   ihrem   Freund   die   Einrichtungen   zeigte, machten   sich   die   Eltern   nach   einer   Dusche   bettfertig   und ließen   sich   von   den   Kindern   versprechen,   das   Zähneputzen nicht zu vergessen. Erledigt   von   der   langen   Fahrt   schliefen   alle   bald   ein.   Das Rauschen   des   Windes   hatte   etwas   Hypnotisches,   wie   Finja dachte,     während     ihr     Gedanken     zur     Welt     hinter     dem Wasserfall,   zu   Vorbereitungen   für   die   geplante   Expedition in   Italien   und   vor   allem   zu   den   kommenden   Tagen   mit   Toni durch   den   Kopf   gingen   und   sie   immer   wieder   für   einige Sekunden einnickte.   Ein   metallischer   Knall   riss   Finja   mitten   in   der   Nacht   aus dem    Schlaf,    gefolgt    von    einem    Gepolter,    das    direkt    in Kopfnähe   zu   passieren   schien.   Es   lärmte   höllisch   im   Zelt, heftige   Sturmböen   zerrten   mit   Gewalt   an   den   Stoffwänden und    Schnüren.    Erschrocken    sah    Finja    im    Restlicht    der Campingplatzlaternen,     dass     sich     die     Zeltstangen     stark krümmten   und   es   aussah,   als   würde   das   Zelt   jeden   Moment in die Luft gehoben. »Papa!!   Mama!!   Wacht   auf,   das   Zelt   fliegt   uns   gleich   weg!!«, rief   sie   panisch,   krabbelte   aus   ihrem   Schlafsack   und   öffnete hastig   den   Reißverschluss   ihres   Innenzeltes.   Ihre   Eltern   und Aaron   hatte   sie   mit   dem   Schreckruf   geweckt,   und   ihr   Vater holte     schnell     den     Beutel     mit     weiteren     Heringen     und Abspannschnüren     aus     einer     Tasche.     Als     sie     das     Zelt öffneten,    peitschte    ihnen    ein    scharfer    Wind    ins    Gesicht, vermischt    mit    Sandkörnern    und    Staub    vom    Platz.    Im Halbdunkel   der   bebenden   Laternenmasten   sahen   sie,   wie Campingstühle     über     die     Wege     purzelten     und     überall Menschen    in    Schlafanzügen    und    Unterwäsche    aufgeregt Zelte und Vordächer befestigten. Toni   war   auch   wachgeworden   und   fragte,   ob   er   noch   zwei Schnüre   haben   könne.   Mit   einem   Gummihammer   setzten sie   längere   Heringe   schräg   gegen   die   Zugrichtung   der   Seile fest   in   den   Boden   und   spannten   die   Schnüre   so   sehr,   wie   es ihnen    gerade    möglich    war.    Das    große    Familienzelt    war dabei   dem   Wind   natürlich   viel   mehr   ausgeliefert   als   das kleinere, abgerundete Zelt von Toni. »Das     dürfte     jetzt     reichen«,     rief     der     Vater     gegen     das Windgeheul    und    klopfte    Finja    auf    die    Schulter.    »Danke, dass   du   uns   geweckt   hast,   sonst   wäre   es   bestimmt   zu   spät gewesen!« »Naja,   Zufall«,   meinte   sie   und   gab   Toni   noch   einmal   einen Gute-Nacht-Kuss. Als   sich   Finja   wieder   bibbernd   in   den   Schlafsack   verkroch, gingen    ihr    vor    dem    Einschlafen    viele    Gedanken    an    Toni durch   den   Kopf.   Sie   nahm   sich   vor   ihre   Eltern   zu   fragen,   ob sie   in   der   nächsten   Nacht   bei   Toni   schlafen   dürfe.   Ob   die das    wohl    erlauben    würden?    Ob    es    ein    riesiges    Theater gäbe?    Mit    Toni    zusammen    einschlafen...    Finja    wurde    es ganz     warm     bei     diesem     Gedanken,     und     während     die Zeltwände    im    Sturm    heulten    und    knatterten,    begleiteten tausende Gedankenfetzen Finja in den Schlaf. Am   Morgen   war   es   zwar   noch   windig,   der   Sturm   hatte   aber deutlich      an      Intensität      verloren.      Aaron      war      zuerst wachgeworden,   hatte   sich   Campingtisch   und   einen   Stuhl aufgeklappt,    saß    mit    Pulli    und    Wolldecke    im    dunstig verschwommenen        Morgenlicht        und        stopfte        sich abwechselnd Kekse und Weingummi in den Mund. Völlig   zerzaust   kam   jetzt   auch   Finja   aus   dem   Zelt   und   hatte sich eine Jacke übergeworfen. »Moin! Noch gut geschlafen?«, fragte Aaron. »Also,    nach    dem    Schreck    dann    schon,    wie    ein    Stein«, antwortete   sie.   Es   war   ziemlich   kühl,   vielleicht   acht   Grad, und    der    beständige    Wind    ließ    es    nicht    zu,    dass    die Morgensonne wirklich wärmte. Finja     ging     zu     Tonis     Zelt     und     öffnete     langsam     den Reißverschluss des Eingangs. »Was hast du denn vor?«, fragte Aaron grinsend. »Geht   dich   nix   an«,   knurrte   seine   Schwester   zurück.   »Iss ’nen Keks und sei still!« »Viel   Spaß«,   feixte   Aaron   und   erntete   dafür   einen   giftigen Blick. Finja   kroch   leise   in   das   niedrige   Zelt   und   schloss   hinter   sich den   Eingang.   Toni   lag   halb   verdreht   in   einem   Wolldecken- und   Schlafsackknäuel   auf   der   Luftmatratze   und   schnarchte leise   mit   offenem   Mund.   Finja   legte   sich   behutsam   neben ihn,    deckte    sich    mit    einem    Teil    der    Wolldecke    zu    und beobachtete   halb   aufgerichtet   Tonis   Gesicht.   Ein   friedliches, warmes   Glücksgefühl   erfüllte   Finja,   als   sie   begann,   zärtlich über seine Haare zu streichen. »Toni,   mein   Schatz,   aufwachen«,   sagte   sie   leise   ganz   nahe an   seinem   Ohr.   Er   räkelte   sich,   öffnete   etwas   die Augen   und murmelte    ganz    verschlafen:    »Was...    wie    spät...    ach    du bist’s«,   schloss   wieder   die   Augen,   drehte   sich   ganz   zu   Finja und nahm sie in den Arm. »Gleich machen wir schon Frühstück«, sagte sie. »Mmmm...   noch   fünf   Minuten...   bitte!«,   kam   es   genuschelt zurück. […Ende des Auszugs aus Kapitel 19]  Auszug aus Kapitel 24 (”Katastrophe”)
19 Wind und Liebe
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